„Ich bin selber ständig überrascht, wie reich eine Sprache ist“ – Interview mit Französisch-Übersetzer Hugues Dietz

Portrait von Hugues Dietz

Hugues Dietz ist professioneller Übersetzer für seine Muttersprache Französisch.

In dieser Interviewreihe erzählen unsere Freelancerinnen und Freelancer von ihrem Beruf und Arbeitsalltag. Hugues Dietz berichtet über Herausforderungen bei Französisch-Übersetzungen und wie er zu dem Beruf gekommen ist.

Kolibri: Lieber Hugues, erzähl uns ein bisschen von deinem Werdegang als Übersetzer und warum du dich für den Beruf entschieden hast.

Hugues: Nach meinem Abitur mit Schwerpunkt Naturwissenschaft, habe ich einen Bachelor in angewandten Fremdsprachen angefangen, weil ich mich schon immer sehr für Sprachen interessiert habe. Sehr schnell stellte ich fest, dass ich bei den Übersetzungskursen viel Spaß hatte – wahrscheinlich auch, weil ich mich schriftlich schon immer gut ausdrücken konnte. Nach Abschluss meines Bachelors habe ich mich für einen Master in Fachübersetzung entschieden und bin Übersetzer geworden.
Sprachen, Technik, Naturwissenschaft und Schreiben: Für mich war es ganz natürlich, Übersetzer zu werden. Und da ich die Naturwissenschaften in meinem Studiengang ein bisschen vermisst habe, habe ich im Jahr 2020 noch eine Weiterbildung als Chemietechniker gemacht. Lernen ist mein Ding 😊
Was fasziniert dich am meisten an deiner Muttersprache?

Ich bin selber ständig überrascht, wie reich und komplex eine Sprache eigentlich ist. Und damit meine ich nicht nur den Wortschatz (sei er technisch oder nicht), sondern auch Synonyme, Sprachebenen, Stil usw. Wenn man alle diese Parameter nimmt, ergeben sich so viele Möglichkeiten, die wir im Alltag kaum nutzen, die aber in Texten den Unterschied machen. Diese vielen feinen Nuancen beherrschen nur Muttersprachler wirklich perfekt. Und vor allem die, die dafür trainiert sind.

Steckbrief Hugues Dietz


Muttersprache:
Französisch

Übersetzer für folgende Sprachkombinationen:
Deutsch-Französisch, Englisch-Französisch

Übersetzer seit:
2013

Branchenschwerpunkte:
Industrie, Technik, Chemie, Marketing

LinkedIn-Profil:
https://fr.linkedin.com/in/hugues-dietz-435317105

Portrait von Hugues Dietz

Was ist besonders kurios oder faszinierend an deiner Muttersprache?

Beim Französischen merkt man, dass die Sprache teilweise von Institutionen beeinflusst wird und Vorschläge der Académie Française oder der Délégation générale à la langue française (DGLF) verwendet werden… oder auch nicht! Ein anschauliches Beispiel bietet das Coronavirus: Wir Franzosen hatten uns angewöhnt „le COVID“ (Maskulin, als Synonym von „le virus/der Virus“) zu nutzen. Plötzlich hat die Académie erklärt, es solle „la COVID“ sein. Das ist zwar sprachlich gesehen zu rechtfertigen, klingt aber immer noch komisch und wird oft scherzhaft verwendet.

Zudem habe ich dank der Perspektive meiner Student*innen (ich habe früher an der TH Köln unterrichtet) verstanden, wie anspruchsvoll die französische Sprache ist. Hier einige Probleme, die das Leben der Lernenden schwierig machen:

  • Homophone: vert (grün), ver (Wurm), vers (nach), verre (Glas) und vair (Feh) werden gleich ausgesprochen, so auch wie mère (Mutter), maire (Bürgmeister*in) und mer (Meer oder See).
  • Homographen: plus (mehr) und plus (nicht mehr), fils (Fäden) und fils (Söhne), sens (riechen/fühlen, 2. Person Singular) und sens (Sinn/Richtung) werden gleich geschrieben, aber nicht gleich ausgesprochen
  • Rechtschreibung: Alle im folgenden unterstrichenen Buchstaben werden gleich ausgesprochen -> empreinte (Abdruck/Fußabdruck), emprunte (ausleihen, 3. Person Singular), main (Hand), chien (Hund), fin (dünn), symtôme (Symptom) – ganz schön viele Möglichkeiten, oder?
  • Weitere Herausforderungen sind Zeiten, Konjunktiv, Konjugation, Genus, Aussprache, Sprachebenen usw. Im direkten Vergleich ist Deutsch viel einfacher und logischer.

Wo und wie arbeitest du in der Regel?

Ich habe meinen Arbeitstisch zu Hause mit allen Ressourcen, die ich brauche (Wörterbücher aller Art, Lehrbücher usw.) sowie allen Programmen und Geräten, die zu Effizienz und Qualität der Arbeit beitragen.

Welche Herausforderungen gibt es generell beim Übersetzen?

Viele! Damit Informationen aus einer Sprache in eine andere korrekt übertragen werden, muss man erstmal die Ausgangssprache und das Thema des Textes gut beherrschen – für einige Bereiche erfordert das allein schon ein Doppelstudium. Dann muss man die entsprechende (Fach-)Sprache in der Zielsprache gut kennen und gegebenenfalls ausführliche und zeitaufwändige terminologische Recherchen durchführen. Zudem muss man die gewünschten Informationen in Form eines schönen Textes restituieren können, indem man den Stil eines Kataloges, einer Bedienungsanleitung, eines Artikels, eines Briefes usw. imitiert. Wenn man noch Zeitdruck, potenzielle Fehler im Ausgangstext, Zeichenbegrenzungen, SEO, spezifische Glossare, Kundenwünsche und Lektorat hinzufügt, dann ist der Beruf Übersetzer hoch komplex.

Aus den oben genannten Gründen wird schnell klar: Eine Übersetzung kann nicht nur als reine sprachliche Verwandlung betrachtet werden: der Kontext, die gewünschte Textwirkung, die wirtschaftlichen und technischen Aspekten usw., spielen immer eine riesige Rolle.

Welche Herausforderungen gibt es speziell beim Übersetzen ins Deutsche oder vom Deutschen in deine Muttersprache?

Die Syntax des Deutschen unterscheidet sich stark von anderen Sprachen – das ist für viele Übersetzer*innen ungewohnt. Dazu gibt es viele sogenannte „False Friends“. Damit eine Übersetzung aus dem Deutschen authentisch klingt, muss man sich oft trauen, etwas mehr Abstand von der Satzstruktur zu nehmen. Dabei besteht aber die Gefahr, sich zu weit vom Ausgangstext zu lösen. Diesen Fehler beobachte ich oft, wenn ich als Korrekturleser arbeite.

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Ein Großteil der Unternehmen bietet für ihre internationale Zielgruppe lediglich englische Übersetzungen ihrer Marketingunterlagen oder Websites an, warum lohnt sich deiner Meinung nach aber eine Übersetzung in weitere Zielsprachen/deine Muttersprache?

Einige Marketingabteilungen gehen wahrscheinlich davon aus, dass Kund*innen aus allen Teilen der Welt gut genug Englisch können. Aber ich bin nicht sicher, dass das immer der Fall ist (siehe Witz unten). Indem Unternehmen ihre Produktbeschreibungen, Kataloge und Websites in der Muttersprache der Zielgruppen anbieten, erleichtern sie diesen erheblich die Arbeit, die gewünschten Informationen rund um Produkte und Dienstleistungen zu finden. Daraus ergibt sich unter Umständen mehr Umsatz, der die Investition in die Übersetzung wirtschaftlich rechtfertigt.

Unternehmen sollten auch daran denken, was ggf. im Kopf der Kund*innen passiert, wenn diese eine schlechte Übersetzung (zum Beispiel eine reine maschinelle Übersetzung) auf einer Website sehen. Darunter leidet unter Umständen das gesamte Bild eines Unternehmens. Denn schnell kann gemutmaßt werden: Wer sich bei der Präsentation der Produkte oder Leistungen keine Mühe gibt, legt wahrscheinlich auch nicht viel Wert auf die Bereiche Kundenbetreuung und sogar Produktqualität.

Was sind deiner Meinung nach die größten Herausforderungen für die Übersetzungsbranche? Wie könnte sich die Arbeit in den nächsten Jahren verändern?

Seit Jahren gibt es in der Branche Entwicklungen bezüglich maschineller Übersetzung und Post Editing (die menschliche Korrektur einer maschinellen Übersetzung). Es wird oft verkündet, dass die Ergebnisse dieses Prozesses hervorragend und daher die Zukunft sind – das sehe ich anders. Denn die so übersetzten Texte werden meiner Meinung nach aus mehreren Gründen die Qualität einer Humanübersetzung nie erreichen.

Durch den rein statistischen Ansatz kann ein Computer nicht denken und so die Ideen und Absichten hinter einem Text verstehen. Er korrigiert auch keine Fehler im Ausgangstext und evaluiert die Qualität der Zieltexte. Computer übernehmen keine Verantwortung für Arbeiten – das ist vor allem im Bereich Arzneimittel oder Industrieprozesse nicht akzeptabel. Man kann zwar Texte vorformatieren, um die Ergebnisse einer maschinellen Übersetzung zu verbessern, aber das kostet Zeit und erfordert menschliche Sprachexpert*innen. Letztendlich klappt dieser Prozess meiner Meinung nach nur mit sehr einfachen oder normierten Texten.

Außerdem sind heutzutage mehr und mehr cloudbasierte CAT-Tools (Computer Assisted Translation Tools) im Einsatz. Auftraggeber*innen können so Übersetzer*innen potenziell direkt das Werkzeug für die Arbeit mitliefern. Was die langfristigen Auswirkungen dieses Trends sind, kann ich allerdings noch nicht ganz abschätzen. Freelancer*innen könnten dadurch weniger Kontrolle von Übersetzungsspeichern, terminologische Datenbanken und generell ihrer Arbeit bedeuten. Gleichzeitig stellt sich die Frage der Datensicherheit: Welche Garantien bieten die Server dieser cloudbasierten CAT-Tools? Welchen Gesetzen unterliegen sie? Meine Website ist in Frankreich beherbergt: Das weiß ich auf jeden Fall.

Kennst du einen typischen Sprach-/Übersetzungswitz über deine Muttersprache? Erzähl ihn gern.

Leider nicht so spezifisch, aber ich kenne einen Witz über die EU:

Was ist die meistgesprochene Sprache in der EU?

Schlechtes Englisch!

Warum ist Übersetzer der beste Job der Welt?

Ich lerne mit jedem neuen Auftrag dazu und kann mich als Muttersprachler stetig verbessern. Zudem kann ich in diesem Job sehr flexibel von zu Hause oder irgendwo anders international arbeiten. Ich freue mich auch, wenn mir Unternehmen begegnen, für die ich bereits Texte übersetzt habe.

Fragen zu Fachübersetzungen bei Kolibri Online oder Übersetzungen für Deutsch-Französisch und Französisch-Deutsch gerne per Mail an info@kolibri.online, telefonisch über +49 40 5247774-0 oder gleich ein unverbindliches Angebot anfordern.

Über die Autorin

Jana Finklenburg
Projektmanagerin und Redakteurin
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