„Übersetzen ist für mich wie das Lösen eines Rätsels“ – Interview mit Elena Vázquez, Spanisch-Übersetzerin

Portraitbild der Spanisch-Übersetzerin Elena Vázquez.

Elena Vázquez ist professionelle Übersetzerin für ihre Muttersprache Spanisch.

Elena Vázquez berichtet über Herausforderungen und Entwicklungen bei Spanisch-Übersetzungen.

Kolibri: Liebe Elena, erzähl uns bitte ein bisschen von deinem Werdegang als Übersetzerin und warum du dich für den Beruf entschieden hast.

Elena Vázquez: Meine Leidenschaft für fremde Sprachen und Kulturen verdanke ich meinem älteren Bruder. Als ich noch klein war, war er als Erasmus-Student für ein Jahr in Birmingham. Sein Erlebnis hat mich fasziniert und dazu bewegt, später selber an verschiedenen Austauschprogrammen teilzunehmen. Mein Interesse an der deutschen Sprache verdanke ich hingegen meiner Erasmus-Liebesgeschichte mit einem Deutschen 😊.

Trotz meiner Vorliebe für Sprachen und Kulturen habe ich viele Umwege genommen, bevor ich mein Studium in der Übersetzung angefangen habe. Heute betrachte ich diese Umwege als Lebenserfahrung. Trotzdem bin ich sehr froh, dass ich seit einigen Jahren meinen Lebensunterhalt als Übersetzerin verdienen kann.

Was fasziniert dich am meisten an deiner Muttersprache?  

Spanisch ist eine Sprache, die von etwa 500 Millionen Menschen in mehr als 20 Ländern gesprochen wird. Ich fühle mich daher sehr privilegiert, in meiner Muttersprache mit so vielen Menschen aus so vielen verschiedenen Ländern kommunizieren zu können. Diese immense Zahl von Muttersprachler_innen bringt eine sehr reiche sprachliche Vielfalt mit sich, die für mich wirklich interessant und faszinierend ist. Ich liebe es, mich mit Menschen aus spanischsprachigen Ländern zu unterhalten und mehr über ihre Sprachvarietät zu lernen.

Mir gefällt auch die relative Flexibilität der spanischen Satzstellung, insbesondere im Vergleich zur deutschen. Im Spanischen habe ich das Gefühl, dass die Sprache und die Ideen fließen. Im Deutschen hingegen muss man die Sätze und die Botschaft als Ganzes betrachten. Vielleicht macht das die Deutschen nachdenklicher und die Spanischsprechenden spontaner.

Findest du, dass der Job Übersetzerin genügend Anerkennung (in deinem Heimatland) erfährt?
Warum oder warum nicht?

Leider nicht. Es gibt immer noch den Glauben, dass jeder mit minimalen Sprachkenntnissen oder sogar einer Software vernünftig übersetzen kann. Das alles drückt die Preise nach unten. Es gibt auch andere, die meinen, es reicht aus, wenn „man es verstehen kann“. Ich finde es schwer nachvollziehbar, wenn für andere Leistungen ‒ wie beispielsweise das Layout‒ viel höhere Preise kalkuliert werden als für die Übersetzung. Schließlich geht es doch bei der Übersetzung um die Botschaft, die man vermitteln möchte, die doch eigentlich der Kern des Ganzen ist. Wenn die Übersetzung fehlerhaft ist, so ist es oftmals das ganze Projekt.

Steckbrief Elena Vázquez


Muttersprache:
Spanisch

Übersetzerin für folgende Sprachkombinationen:
EN/DE-ES

Übersetzerin seit:
Teilzeit seit 2011, Vollzeit seit 2016

Branchenschwerpunkte:
Transcreation, Marketing und medizinische Übersetzung

LinkedIn-Profil:
www.linkedin.com/in/elena-vázquez/

Portraitbild der Spanisch-Übersetzerin Elena Vázquez.

Wo und wie arbeitest du in der Regel?

Momentan arbeite ich von zu Hause, entweder in Sevilla oder in Hamburg. Früher habe ich auch oft in Arcadia, ein Coworking Space in Sevilla, gearbeitet. Da habe ich den Kontakt zu anderen Menschen sehr genossen. Der Beruf des Übersetzers kann sehr einsam sein.

Am liebsten arbeite ich in einer ruhigen Atmosphäre, an einem aufgeräumten Schreibtisch am Fenster, mit einen extra Bildschirm und eine großen Tasse Tee in der Hand. Übersetzen ist für mich wie das Lösen eines Rätsels nach dem anderen. Wie Mathe, aber kreativer. Deshalb erfordert diese Arbeit Geruhsamkeit und Konzentration.

Welche Herausforderungen gibt es generell beim Übersetzen?

Manchmal mangelt es an Informationen über das Projekt und den Kontext, in dem die Texte verwendet werden sollen. Deshalb arbeiten wir Übersetzer_innen manchmal ein wenig „blind“. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass eine flüssige Kommunikation zwischen den an einem Übersetzungsprozess beteiligten Akteur_innen und dem Auftraggeber stattfindet.

Es ist auch eine Herausforderung, sich an bestimmte Einschränkungen, wie die Zeichenanzahl, anzupassen oder Wortspiele und bestimmte kulturelle Bezüge zu übersetzen. Da muss man manchmal bei den Übersetzungsvorschlägen etwas mutiger zu sein und auch mal Vorschläge machen, die sich etwas mehr vom Originaltext entfernen, gleichzeitig aber dieselben Ziele erfüllen.

Welche Herausforderungen gibt es speziell beim Übersetzen ins Deutsche oder vom Deutschen in deine Muttersprache?

Einerseits gibt es viele verschiedene Varianten in der spanische Sprache. Daher muss man immer nachfragen, in welchem Zielland und für welche Leserschaft der Texte erscheinen soll. Oder man muss aufpassen, wenn der Text an die gesamte spanischsprachige Welt gerichtet ist.

Deutsch ist außerdem eine sehr präzise Sprache. Beispielsweise werden im Deutschen viele Partizipien als Adjektive verwendet. So funktioniert Spanisch nicht. Deshalb werden die Übersetzungen manchmal sehr lang und künstlich. Gelegentlich muss man sich entscheiden, auf welche Details verzichtet werden kann, damit der resultierende Text nicht an Qualität verliert. Spanischsprachige brauchen nicht immer so viele Einzelheiten!

Ein weiterer problematischer Aspekt sind die Festlichkeiten. Zum Beispiel wird in Spanien die Karwoche mehr gefeiert als Ostern, und Weihnachten dauert bis zum 6. Januar mit der Ankunft der Heiligen Drei Königen (die übrigens die meisten Weihnachtsgeschenke bescheren). All diese kulturellen Unterschiede müssen berücksichtigt werden – gerade wenn es um Lokalisierungen von Texten geht.

Ein Großteil der Unternehmen bietet für ihre internationale Zielgruppe lediglich englische Übersetzungen ihrer Marketingunterlagen oder Websites an, warum lohnt sich deiner Meinung nach aber eine Übersetzung in weitere Zielsprachen/deine Muttersprache?

Meiner Meinung nach gibt es dafür zwei Hauptgründe. Erstens sprechen viele Spanier kein oder wenig Englisch. Zweitens geht es im Marketing um Gefühle und jeder fühlt in seiner eigenen Sprache und auf der Grundlage seiner eigenen Kultur. Im Marketing und Verkauf muss man nicht nur Wörtern übersetzen, sondern auch Ideen und Gefühle übermitteln und an die Zielgruppe anpassen. Wenn das nicht richtig gemacht wird, gehen wir das Risiko ein, dass das Produkt nicht funktioniert und dass wir unser Ziel (nämlich den Verkauf) nicht erreichen.

Was sind deiner Meinung nach die größten Herausforderungen für die Übersetzungsbranche? Wie könnte sich die Arbeit in den nächsten Jahren verändern?

In den heutigen Zeiten muss alles hier und jetzt passieren. Darunter leidet immer die Qualität. Dieses Problem ist nicht ausschließlich auf den Sektor Übersetzung beschränkt, aber es betrifft sie besonders stark. Deswegen ist es immer ein Glück, Kunden und Agenturen zu finden, die eine gute Übersetzung wirklich wertschätzen.

Wir sollten unsere Arbeit stärker aufwerten und Unternehmen und Kunden bewusst machen, wie wichtig eine gute und was die Konsequenzen einer schlechten Übersetzung sind. Zudem sollte ein Bewusstsein beim Kunden geschaffen werden, welche Voraussetzungen notwendig sind, um eine qualitativ hochwertige Arbeit zu leisten. Das ist zum Beispiel im Transcreation-Bereich besonders wichtig. Die Transcreation ist eine freiere Übersetzung, die vor allem im Marketing oftmals angewendete wird, um näher an die Zielgruppe heranzukommen und die Produkte besser anzupassen. Eines ist jedoch klar: es lohnt sich immer, in professionelle Fachübersetzungen zu investieren.

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Kennst du einen typischen Sprach-/Übersetzungswitz über deine Muttersprache? Erzähl ihn gern.

Ich habe immer den deutschen Ausdruck „Das kommt mir spanisch vor“ lustig gefunden. Auf Spanisch sagen wir „Das kommt mir Chinesisch vor“. Ich finde es auch lustig, wenn deutschsprachige Kinder in der Schule sich für Spanisch entscheiden „weil es einfacher ist“. Sie werden Spanisch lieben, aber nicht weil es einfacher zu lernen als andere Sprachen ist.

Warum ist Übersetzerin der beste Job der Welt?

Als Übersetzerin lernt man immer etwas Neues. Man kann sich die Themen aussuchen, die einen interessieren oder Spaß machen. Und man bleibt flexibel – sowohl in den Arbeitszeiten als auch in den Arbeitsorten. Dank meiner Arbeit kann ich zum Beispiel den Sommer im grünen Hamburg verbringen und den Winter in der schönen Sevilla. Das kann nicht jeder.

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Über die Autorin

Jana Finklenburg
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